Rede zur Mahnwache gegen Antisemitismus am 30. Mai 2021 - Bernd Schlömer
1093
post-template-default,single,single-post,postid-1093,single-format-standard,cookies-not-set,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-3.1,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Rede zur Mahnwache gegen Antisemitismus am 30. Mai 2021

Rede zur Mahnwache gegen Antisemitismus am 30. Mai 2021

Nie wieder. Nie wieder sagen wir seit über 70 Jahren. Seit über 70 Jahren. Und was ist die Bilanz? Synagogen brauchen noch immer Polizeischutz. Die Zahl antisemitischer Straftaten hat einen Höchststand erreicht. Und das ist nur das Hellfeld. Terroristen greifen Synagogen an und eine Tür, eine Holztür, ist das, was betende Juden und Jüdinnen schützt. Seit über 70 Jahren sagen wir “nie wieder” und wählen dennoch Menschen in unsere Parlamente, die sich nicht abgrenzen wollen. “Nie wieder” und dennoch laufen Menschen mit Judensternen auf Corona-Leugner-Demos herum und vergleichen sich mit dem unbeschreiblichen Leid, dass Jüdinnen und Juden hier in diesem Land widerfahren ist. 

Was haben unsere Worte für einen Wert, wenn wir ihnen seit über 70 Jahren keine Taten folgen lassen, durch die Jüdinnen und Juden in diesem Land sicher leben können? 

Es wird dringend Zeit, dass wir uns fragen, warum wir nicht genug tun. Warum “nie wieder” scheinbar zu einer simplen Phrase verkommen ist.

Es muss über Antisemitismus in muslimischen und migrantischen Communitys gesprochen werden. Das ist klar. Es muss aber auch in dem Land, das den Holocaust zu verantworten hat, in der eigenen Mehrheitsgesellschaft über Antisemitismus in den eigenen Reihen gesprochen werden. 

Hinterfragen wir eigentlich unsere eigene Familiengeschichte genügend? Haben wir bei uns zu Hause ausreichend über Antisemitismus gesprochen und wie es zum Holocaust in diesem Land kommen konnte? Haben wir uns wirklich genügend mit unserer deutschen Geschichte auseinandergesetzt? Gehen wir effektiv und entschlossen gegen rechtsradikale Strukturen, Chat-Gruppen, die immer wieder die Nazizeit verherrlichen und zum Umsturz aufrufen, ja sogar zum Töten von missliebigen Personen vor? 

Antisemitismus fängt nicht erst dann an, wenn Jüdinnen und Juden beschimpft oder angegriffen werden. Er beginnt nicht erst, wenn Synagogen und Grabstätten geschändet werden. Antisemitismus beginnt weitaus früher. Und es liegt gerade heute, in einer Zeit, in der antisemitische Verschwörungserzählungen stärker als je zuvor grassieren, an uns, Expertinnen und Experten für Antisemitismus zuzuhören und zu verstehen, welche Codes Antisemitinnen und Antisemiten verwenden, um ihre menschenfeindliche Ideologie zu verbreiten und zu kaschieren. Es liegt an uns, Antisemitinnen und Antisemiten zu entlarven. Wir können nicht “nie wieder” sagen, um dann über diese Erkenntnisse, über diese Expertise hinwegzusehen und antisemitische Äußerungen gewähren lassen. Sie durch Ignoranz salonfähig zu machen.

In Friedrichshain-Kreuzberg, in Berlin, in Deutschland und Europa müssen Jüdinnen und Juden in Freiheit und Sicherheit leben können. Es liegt an uns, dass sie das können. Es liegt an uns, die wir “nie wieder” sagen und den Worten dann auch endlich Taten folgen lassen. 

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.

Klicken Sie hier um sich auszuloggen